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Pathos & Pragmatismus

Wie Joe Biden Storytelling nutzt, um die Amerikaner aus der Pandemie zu führen .

Joe Bidens Presidential Adress vom 11. März 2021

In seiner ersten Fernsehansprache als Präsident entwirft Joe Biden einen Fahrplan, wie die USA die Pandemie überwinden wollen. Er setzt dabei nicht nur auf Pathos und Pragmatismus, sondern – ganz in der Tradition seines Vorgängers Barack Obama – vor allem auf Techniken des Storytelling.

„We are a storytelling species. I think that what one of the jobs of political leaders going forward is to tell a better story about what binds us together as a people.“ (Barack Obama)

Barbecues am 4. Juli

Am 4. Juli, ihrem Nationalfeiertag, so verspricht Biden den Amerikanern, würden sie im kleinen Kreis wieder ihre beliebten traditionellen Barbecues feiern können. Wie jede gute Geschichte besitzt Bidens Story damit ein klares Ziel und einen festgelegten zeitlichen Rahmen. Independence Day sei in diesem Jahr auch „der erste Tag der Unabhängigkeit vom Virus“.

Bis dahin sollen und müssen die Amerikaner warten und kämpfen. Denn natürlich befinden sie sich im „Krieg mit dem Virus“, so viel Pathos erlaubt sich Biden, obwohl er in den USA als eher nüchterner und mäßiger Redner gilt.

Nach Monaten der Kontaktbeschränkung besitzt die Aussicht mit der Familie und Freunden zu feiern eine emotionale Seite, die für die Story von enormer Wichtigkeit ist. Biden nutzt das positiv besetzte Ziel der Feiern am 4. Juli um die Amerikaner auf seine Seite zu ziehen und zu motivieren bis dahin durchzuhalten.

Der Weg dahin

Dabei lässt er auch die Schwierigkeiten nicht aus, die noch vor den Amerikanern liegen und ebensowenig das Leid, das die Krankheit und der bisherige Umgang damit ausgelöst haben. Aber:

„He also offered a big dose of hope about the pandemic, talking up the speedy pace of vaccination and setting July 4 as the day when Americans could safely gather again, albeit not in large groups.“ (New York Magazine)

Biden belässt es nicht nur bei dieser Hoffnung. Er skizziert den Weg, den seine Regierung einschlagen wird, um sie zu erfüllen. Mehr Impfungen, Unterstützung für die gebeutelte Wirtschaft und flankierende Maßnahmen werden angekündigt oder sind bereits auf den Weg gebracht. Dem Pathos des 4. Juli fügt er einen fasst schon kleinteiligen Pragmatismus hinzu, der zeigt, dass seine Regierung ihren Beitrag leistet, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Seht her, wir leisten unseren Beitrag. Leistet ihr euren. So sagt er es nicht, aber so ist es gemeint.

Die Story ist das Programm. Das Programm ist die Story.

Storytelling, wie es Biden nutzt, ist damit nicht nur Mittel der politischen Kommunikation. Es definiert auch die politische Arbeit, die die amerikanische Regierung in den nächsten Wochen vor sich hat. Die Story wird zum politischen Programm bzw. andersherum: Das politische Programm wird mit einem emotional bedeutsamen Ziel, einer Hoffnung, zu einer gemeinsamen Story verknüpft und kommuniziert.

Vorbild: John F. Kennedy

Für diese Strategie hat Biden neben Obama ein weiteres berühmtes Vorbild, ebenfalls einen Parteikollegen: John F. Kennedys Ankündigung von 1961, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond zu bringen „and safely back“, arbeitet genau nach dem gleichen Muster wie Biden.

John F. Kennedy kündigt an, „to bring a man on the moon and safely back“

Vorteil: Pferdefuß

Politisch betrachtet hat die Story allerdings einen Pferdefuß. Sie verdammt die Biden-Regierung zum Erfolg. Eine Aussicht, die den amerikanischen Präsidenten nicht schreckt. Anders sieht die Situation in Deutschland aus. Kaum ein Politiker würde es wagen, derartig konkret einen Fahrplan aus der Pandemie zu entwerfen. Sich festzulegen gilt nicht nur in Krisen als politischer Selbstmord. Auch deswegen irrt Deutschland aktuell eher durch die Pandemie und kaum jemand wagt eine Prognose, wie das Land aus der Krise herausfinden möchte. Der Pferdefuß kann auch ein Vorteil sein.

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