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Was du von 3jährigen über Figurencharakterisierung lernen kannst

In komplexen Geschichten, wie etwa in Romanen, Filmen oder Serien, kommt den Figuren die entscheidende Rolle zu. Neurowissenschaftliche Studien legen nahe, dass Publikum und Leserschaft am intensivsten mit den Figuren deiner Geschichte interagieren (Yuan, Major-Giradin, Brown 2018).

Um deine Figur zu entwickeln und besser zu verstehen, gibt es ein einfaches Werkzeug. Fast jedes dreijährige Kind beherrscht es und treibt Erwachsene damit gelegentlich in den Wahnsinn. Aber keine Sorge! Dich als Autorin oder Autor treibt es nicht in den Wahnsinn. Vielleicht aber deine Figur, denn sie wird gezwungen Farbe zu bekennen und bis zu den Punkten ihres Lebens vorzudringen, die uns erklären, warum sie ist, wie sie ist. Denn das Werkzeug ist eine ganz einfache Frage:

Warum?

Warum tut eine Figur, was sie tut?

Um dem auf den Grund zu gehen, musst du diese Frage allerdings wie deine dreijährige Nichte oder dein ähnlich alter Sohn beständig wiederholen, bis deiner Figur die Antworten ausgehen. Gib dich nicht zu schnell mit Antworten zufrieden. Überprüfe jede Antwort, ob nicht noch ein tieferer Grund, ein aufrichtigeres Warum verborgen bleibt.

(Wir lassen an dieser Stelle einmal beiseite, dass das 3jährige Kind mit seinem beständigen „Warum?“ eine der wichtigsten Fragen einübt, die unser Gehirn auf seiner Mission uns am Leben zu erhalten stellt. Antworten auf steinzeitliche Fragen wie „Warum raschelt es da im Gebüsch?“ oder neuzeitliche wie „Warum hupt da jemand wie blöde?“ können über Leben und Tod entscheiden.)

10 Millionen Euro

Ein kleines Beispiel, um die Methode zu verdeutlichen. Wir stellen uns einen Mann vor, der vor allem eines möchte: reich werden. Bis zu seinem 30. Geburtstag möchte er 10 Millionen Euro verdient haben. Du rollst jetzt vielleicht mit den Augen, weil es kein besonders interessantes Ziel für eine Geschichte zu sein scheint. Damit hast du Recht. Wir verbinden mit Geld nicht unbedingt die emotionale Tiefe, die wir für eine Figur, die den Leser berührt und beschäftigt, brauchen.

Fragen wir aber einmal, warum dieser Mann 10 Millionen Euro haben möchte? Wahrscheinlich wird er antworten: „Damit ich mir alles kaufen kann, was ich möchte.“

Interessant? Nö.

Tiefer bohren

Also geht es weiter: Warum will er sich alles kaufen können? Vielleicht möchte er anderen damit zeigen, dass er es „geschafft hat“, dass er erfolgreich ist, vielleicht sogar besser ist als sie. Es geht ihm also weniger um Geld, sondern vielmehr um den Status, den er damit verknüpft. Schon interessanter. Aber reicht das?

Also geht’s weiter: Warum (ist ihm dieser Status so wichtig)?

Hast du deine Figur lebendig vor Augen, wird sie jetzt vielleicht etwas grummelig und ausweichend reagieren. Das ist ein gutes Zeichen, du bist etwas auf der Spur, was die Figur vielleicht nicht preisgeben möchte. Und damit etwas, was für dich und die Geschichte, die du erzählen möchtest, hochinteressant ist. Warum-Fragen erlauben es dir, auf einem sehr direkten Weg in die tieferen Bereich des Charakters deiner Figur einzudringen.

Vermutlich glaubt die Figur, dass Geld der beste Weg ist, für sich einen hohen Status zu erlangen. Zudem glaubt sie, dass Status = Glück ist (Anm.: Geld muss nicht zwingend statusmotiviert sein, nur in unserem Beispiel ist es so. Du hättest mit deiner Figur auch einen anderen Weg einschlagen können).

Und schon sind wir wieder am Anfang der nächsten Runde: Warum?

Vielleicht hat die Figur es einfach so gelernt. Ihre Eltern haben es ihr so vorgelebt und sie hat es kritiklos übernommen. Vielleicht hat sie sich aber auch zu wenig geschätzt gefühlt oder glaubt nicht, so wie sie ist, Anerkennung oder Erfolg zu verdienen.

Die innere Geschichte deiner Figur

Warum? Woher kommt dieser Glaube?

Geht es gar nicht um die Anerkennung der anderen? Geht es darum, dass sich die Figur selber als unzulänglich und minderwertig betrachtet? Vielleicht hasst sie sich selber und hofft, dass Reichtum ihr soviel Anerkennung von außen bringt, dass sie sich selbst auch lieben kann. Was wir haben, ist also keine Figur, die 10 Millionen Euro möchte oder Status, sondern einen Charakter mit einer narzisstischen Störung, der einen Weg gefunden zu haben glaubt, seine Störung, seine Schwäche zu heilen. Wir ahnen bereits, dass das mit Geld nicht funktionieren wird und damit haben wir die innere Geschichte dieser Figur. Einfach, indem wir fünfmal die gleiche Frage gestellt haben: Warum?

(Foto: StockSnap, Pixabay)

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