Können wir Soziale Medien nutzen, um fiktionale Stories zu erzählen? Und wenn ja wie? Dieser Frage bin ich mit Studierenden der HHU Düsseldorf in mehreren Workshops nachgegangen. Was wir gelernt haben, erfährst du in diesem und vier weiteren Beiträgen.
Fake or Fiction?
Geht es um Fiction in Social Media, heißt es nicht selten, dass dort sowieso alles Fiktion sei. Schließlich sind wir auf Instagram & Co nur selten ehrlich. Wir erzählen eine kurartierte, nicht selten fiktionalisierte Version unseres Lebens. Vernünftigerweise. Und dann sind da ja noch diverse Fake-Profile…
In den Diskussionen mit und zwischen den Studierenden tauchte das Thema ebenfalls immer wieder auf. Ist Social Media nicht schon voll genug mit erfundenem Content?
Aber hier geht es nicht um Fake, um Accounts, die bewusst angelegt sind, Menschen zu täuschen und Meinungen und Entscheidungen durch Fehlinformationen zu beeinflussen. Wir reden von Accounts, die eine Geschichte erzählen wollen, die Menschen Identifikation anbieten, Empathie wecken und Perspektivwechsel ermöglichen. Accounts, die die sozialen Medien bewusst als fiktionales Medium nutzen. Geht das überhaupt?
Die Idee
Gemeinsam mit Studierenden der Medien- und Kulturwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wollte ich darauf eine Antwort finden. In fünf Beiträgen stelle ich zusammen, was wir gelernt haben. Unter welchen Bedingungen ist Erzählen auf Social Media möglich? Welche Probleme und welche Möglichkeiten tauchen auf?
Vorbilder?
Doch zuvor ein Blick auf das, was da ist. Gibt es abseits von Fake-Accounts und der geschönten Versionen unserer selbst, schon jetzt fiktionale Erzählungen auf Plattformen wie Instagram, TikTok, Reddit oder Facebook?
Tatsächlich finden sich nur wenige Beispiele. „LilMiquela“ etwa: Dieser von der Technologiefirma Brud entwickelte digitale Avatar besitzt über zwei Million Follower auf Instagram.
Tia („Thatsthetia“) ist eine von 22 fiktiven Charakteren, die von der Medienagentur Fourfront entwickelt wurden, um für Unternehmen passgenaue Influencer als Werbeträger zu schaffen. Fiktion war dabei eher Mittel zum Zweck als eigentlicher Sinn. Etwas anders sieht es bei Accounts wie „Eva.Stories“ oder „IchbinSophieScholl“ aus.
Eva.Stories
„Eva.Stories“ erzählt die Geschichte eines jüdischen Mädchens im Holocaust und basiert auf der Biographie Eva Heymanns, die 1944 als 13jährige im KZ Auschwitz ermordet wurde.
Finanziert wurde das Projekt vom israelischen Hightech-Milliardär Mati Kochavi. „Die Idee entstand bei einem Gespräch darüber, wie die Erinnerung an den Holocaust wach gehalten werden kann. Das geht nicht nur mit Museen und Büchern, da muss der richtige Weg gefunden werden. Also dachten wir uns: „Okay, wo befinden sich alle? Welche sozialen Plattformen gibt es?“ Und eine davon ist natürlich Instagram. Dort ist tagtäglich das Publikum, das uns interessiert. Aber es ist andere Inhalte gewohnt. Wir haben uns also überlegt, wie die Geschichte des Holocausts über diese Plattform vermittelt werden kann“, zitiert ihn der Deutschlandfunk in einem Beitrag.
Ich bin Sophie Scholl
„Eva.Stories“ löste ein gespaltenes Echo aus. Ähnlich wie ein vergleichbares, deutsches Projekt, das zwei Jahre später ebenfalls auf Instagram realisiert wurde. Gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk zeichnete der SWR für einen fiktiven Instagram-Account der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl verantwortlich (Drehbuch: Ira Wedel, Shannon Getty, Rebecca Martin). Scholl, Mitglied der Münchener Widerstandsgruppe Weisse Rose, wurde 1943 von den Nazis ermordet. Der Account erzählt ihre letzten Monate bis zu ihrem Tod.
In der Spitze folgten über 900.000 Menschen der Geschichte. Von „mutiges Experiment“ bis zu „Über-Emotionalisierung“ reichten die Kritiken, ein Vorwurf aber wog besonders schwer: der Account würde eine historische Person über Gebühr fiktionalisieren.
Mehr Fiktion wagen!
Bemerkenswert tatsächlich, dass beide Projekte sich für reale historische Figuren entschieden. Vielleicht ist das ein wenig naheliegend für das Erzählen auf sozialen Medien. Vielleicht aber bieten fiktive Figuren doch andere Möglichkeiten? Oder lassen sich manche Themen nicht fiktional erzählen? Zumindest nicht auf Social Media? Wir haben diese Fragen angesprochen, uns dann aber entschieden Fiction auf Social Media zu probieren, um selber herauszufinden, was geht und vielleicht auch, welche Lösungen sich finden.
