Können wir Soziale Medien nutzen, um fiktionale Stories zu erzählen? Und wenn ja wie? Dieser Frage bin ich mit Studierenden der HHU Düsseldorf in mehreren Workshops nachgegangen. Was wir gelernt haben, erfährst du in diesem und vier weiteren Beiträgen.
Yes, we can!
Was lässt sich festhalten? Und wie kannst du das nutzen, wenn du selber eine Geschichte via Social Media erzählen möchtest? Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Fiktionale Geschichten lassen sich auf Social Media erzählen. Einige Besonderheiten sozialer Medien sind herausfordernd – aber unsere Projekte haben gezeigt, wie sich diese Besonderheiten als Vorteil erweisen können. Das ist die zentrale Erkenntnis aus vier Workshops mit 50 Studierenden und 14 Projekten.

Gehst du mit den formalen Erwartungen aus Buch, Serie oder Game im Gepäck an eine Plattform heran, schaffst du dir allerdings Probleme. Mehr noch: Du versäumst die besonderen Chancen, die das Erzählen auf Instagram & Co bietet. Die (Un-)Logik des Algorithmus, der Fokus auf Figuren, die Kürze der Beiträge, die Parallelität von Accounts und die Macht der Community: Das sind die Bedingungen, mit denen Erzählen hier arbeiten muss.
Daraus ergeben sich drei Prinzipien:
1. Character is King
Wer eine Geschichte auf Social Media erzählen will, braucht keine Dramaturgie im klassischen Sinne. Gebraucht wird eine Figur, die trägt – eine Figur mit einem zentralen Konflikt, einem Thema, das immer mitschwingt. Nicht die Handlung bindet das Publikum, sondern die Person und ihr Konflikt. Darin liegt eine besondere Stärke: Social Media ist ein Medium für Figuren, nicht für Plots.
2. Algorithm Kills Plot
Unter dem Diktat des Algorithmus lässt sich nur schwer eine lineare Geschichte erzählen. Beiträge, die für sich allein stehen und gleichzeitig Teil eines grösseren Ganzen sind, funktionieren besser als Folgen einer Serie, die in der richtigen Reihenfolge konsumiert werden müssen. Statt einer festgelegten Struktur braucht das Storytelling ein zentrales Thema, mit dem sich die Figur auseinandersetzt und an dem sie sich abarbeitet. Dabei ist sie allerdings nicht allein.
3. Community is co-writing
Wer Kommentare ignoriert, verschenkt das Produktivste, was Social Media gegenüber anderen Erzählmedien auszeichnet. Die Möglichkeit, unmittelbar auf Reaktionen zu antworten, bietet enormes Potenzial – nicht nur in den Kommentaren, sondern in der Story selbst. Vielleicht bin ich der nächste, auf den die Figur hört? Was wird dann passieren? Hatte ich Recht? Habe ich mich geirrt? Derartige Fragen werden Teil des neuen, sozialen Spannungsbogens, der das Interesse der Community am Schicksal der Figuren fesselt. Das digitale Lagerfeuer wärmt umso mehr, wenn die Community spürt, dass sie gehört wird und mitgestalten kann.
Erzählen erfolgreich machen!
Erzählen zu können oder ein Publikum zu erreichen, das sind zwei verschiedene Dinge. Vor dem Problem, eine Followerschaft aufzubauen, steht natürlich jeder Account. Ebenso wie jede Geschichte in jedem Format darum kämpft ihr Publikum zu finden.

Für fiktionale Formate in sozialen Medien stellt sich allerdings die Frage der Finanzierung, umso mehr wenn das Projekt einen gewissen Aufwand verlangt. Es gibt nicht nur keine Verlage, Streamer oder Studios, an die man sich wenden könnte. Es gibt auch kein Geschäftsmodell. Die klassische Monetarisierung, wie wir sie aus dem Buchhandel oder von den Kinokassen kennen, ist auf den großen Plattformen unmöglich. Ein Interesse, ihre Plattformen mit fiktionalen Inhalten aufzuwerten, haben die Betreiber ebenfalls nicht. Werbepartnerschaften wiederum, einträgliches Finanzierungsmodell für Influencer, können Gift für ein fiktionales Format sein. Community-Finanzierung wie etwa ein Crowdfunding wäre für etablierte Produzenten ein Weg. Aber in einem Feld, das nicht einmal etablierte Formate besitzt? Knifflig.
Der gangbarste Weg scheinen akutell Kooperationen zu sein. „Die drei !!!“ und „Bibi Blocksberg“ zeigen, wie das aussehen könnte: als Begleitaccounts für Figuren aus anderen Medien. Beide stießen bei den betroffenen Verlagen aber nur auf verhaltenes Interesse. Vergleichbare Formate bieten sie auch nicht an. Eine gezieltere Akquise böte vielleicht Abhilfe. Denn gerade für Kultur & Unterhaltung, aber auch für Bildung und Aufklärung (siehe Eva.Stories) bieten erzählerische Formate viel Potenzial. Auch als reine Marketing-Accounts und Advertainment sind fiktive Figuren etabliert, aber sicher noch nicht „auserzählt“ (siehe 1. Beitrag).
Späte Berufung
Aber die sozialen Medien wären nicht das erste Medium, das erst spät seine Berufung als erzählerisches Medium entdeckt. Wie wir in meiner Geschichte des Erzählens Vom Mythos zum Selfie gesehen haben, gilt dies ebenso für das Buch und sogar die Schrift. Für den Film sowieso. Soziale Medien bieten daher Kreativen noch die Möglichkeit, das Erzählen selbst zu entwickeln. So wie die Theaterleute David Wark Griffith und Sergej Eisenstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Film revolutionierten, indem sie erkannten, was das filmische Erzählen vom Theater, mit dem sie groß geworden waren, unterschied, können heute Kreative wieder die Besonderheiten eines Mediums als Instrument des Geschichtenerzählens definieren.
