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Fiction@Social.Media #4: Character Is King

Können wir Soziale Medien nutzen, um fiktionale Stories zu erzählen? Und wenn ja wie? Dieser Frage bin ich mit Studierenden der HHU Düsseldorf in mehreren Workshops nachgegangen. Was wir gelernt haben, erfährst du in diesem und vier weiteren Beiträgen.

Die Figur steht im Zentrum einer auf Social Media erzählten Geschichte. Sie einem Plot folgen zu lassen, macht der Algorithmus allerdings unmöglich. Ihre Geschichte muss anders erzählt werden. Wir müssen der Figur etwas an die Hand geben. Um uns wirklich zu fesseln, braucht sie noch etwas. Etwas, das den Plot ersetzen kann. Wie im vorigen Beitrag liegt die Lösung auch hier auf der Hand. Allerdings nicht so sehr auf Social Media, sondern tatsächlich im konventionellen Erzählen. Denn auch ohne Plot geht es nicht ohne zwei der wichtigsten Elemente jeder Story: Konflikt und Thema,

Finde das Thema deiner Figur

Für Dramaturgen überraschend: Das Thema, das bestimmende Problem, mit dem sich die Figur auseinandersetzt, ist dabei das wichtigere erzählerische Mittel. Für die praktische Arbeit hilft es deshalb, gleich zu Anfang eine starke Prämisse zu haben, um die Account, Figur und Story kreisen kann.

Ein schönes Beispiel liefert erneut unser Projekt zu Bibi Blocksberg. Auf dem Instagram-Account der Studierenden ist die Hexe Anfang 20, Studentin in Düsseldorf, aber weiterhin eine Hexe. Dieses Themenkombination wird immer wieder bespielt. Die Verknüpfung aus Buchreihen-Hexe und Studierendenalltag sorgt für die erzählerischen Highlights.

Screenshot Bibi Bloggsberg

Auf ähnliche Weise lassen sich andere Themen vermitteln: „Dream’t“ widmete sich Migrationsgeschichten, „Folklore Fiction“ dem Scheitern einer Liebe. Alle drei erzählen dabei von den Menschen, die mit diesen Themen konfrontiert sind.

Das Thema schwingt in jedem Beitrag mit, muss aber nicht immer im Zentrum stehen. Die Figur wird facettenreicher und authentischer, wenn sie nicht nur um ein Problem kreist. Es sei denn, die Dramatik der Geschichte verlangt danach. Das Thema aus den Augen verlieren dürfen weder Macher noch Follower – denn dann wird die Figur beliebig.

Kurz und gut: Fiktionales Erzählen auf Social Media ist figurenzentriert, nicht linear und orientiert sich an Figuren und ihren Themen, nicht an Spannungsbögen. Das erweist sich als Vorteil: Das Schicksal der Figur muss nicht in ein starres dramaturgisches Schema gepresst werden. Dramaturgische Strukturen spielen weiter eine Rolle, aber nur im Kleinen – in einzelnen Beiträgen, Reels und Stories.

Die Figur ist nicht allein

Doch auch wenn wir nur mit einem Account erzählen. Die Figur ist nicht allein. Soziale Medien bringen einen weiteren Mitspieler in die Erzählung: die Community. Über die Kommentarfunktion können Follower in das Geschehen eingreifen. Kommentare liefern wertvolle Hinweise auf das Erleben der Geschichte – und können Einfluss nehmen auf den weiteren Verlauf.

„Our Bathroom is Haunted“, eine Instagram-Story über eine WG mit einem Geist, bindet Kommentare sehr bewusst in Reels und Beiträge ein. Die Studierenden lassen die Follower über die Art der Verwünschung spekulieren und animieren zu Ratschlägen, was zu tun sei.

Screenshot aus Ophelia vanished

„Ophelia vanished“ geht noch einen Schritt weiter und inszeniert seine Geschichte bewusst als interaktive Erzählung mit Game-Charakter, in der die Community angehalten ist, mitzuhelfen, das Verschwinden der Titelfigur aufzuklären. Dabei setzten die Macherinnen auf gleich fünf Accounts, die ebenfalls miteinander interagierten (und sich ggf. gegenseitig blockten). In „The Tavern“, einem Social Media Konzept, das sich an „Dungen & Dragon“-Spielende richtete, war es sogar die Community selbst, die aufgefordert wurde, ihre eigenen Stories zu teilen.

Das digitale Lagerfeuer

Per Interaktion lässt sich das Publikum ganz anders in die Geschichte einbetten. Es wird Teil davon – eine Community, die das Geschehen gemeinsam erlebt und mitgestalten kann. Der Account wird zum digitalen Lagerfeuer, an dem sich Menschen versammeln, Geschichten lauschen und gemeinsam erleben. Die Creator von Social-Media-Geschichten haben die Möglichkeit, ihre Story dem Publikum anzupassen – so wie ein Geschichtenerzähler am Lagerfeuer reagieren kann, wenn ein Detail seine Zuhörerschaft besonders beschäftigt. Was gilt es nun zu beachten, wollen wir die Sozialen Medien für Fiktion nutzen?

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