Können wir Soziale Medien nutzen, um fiktionale Stories zu erzählen? Und wenn ja wie? Dieser Frage bin ich mit Studierenden der HHU Düsseldorf in mehreren Workshops nachgegangen. Was wir gelernt haben, erfährst du in diesem und vier weiteren Beiträgen.
Ein Sprung ins Ungewisse
Im Winter Winter 2023 habe ich das Seminar „Fiction@Social.Media“ zum ersten Mal am Medien- und Kulturwissenschaftlichen Institut der HHU Düsseldorf veranstaltet. Die Aufgabe klang einfach:
Entwickelt ein fiktionales Format für eine Social-Media-Plattform eurer Wahl! Egal für welche Plattform, egal mit welchem Thema!
Dieser erste Durchlauf war für die Teilnehmenden ebenso wie für mich ein Sprung ins Ungewisse. Ich sehe meine Workshops zwar gerne als einen leeren Whitecube, den die Studierenden mit ihrer Kreativität füllen. Aber diesmal waren die Wände des Cubes besonders weiß.
Die wenigen vorhandenen Beispiele haben niemanden wirklich überzeugt. Was möglich ist und wie man es realisieren kann, war uns allen ebenso unklar, wie der Aufwand, der dafür erforderlich sein würde. Trotzdem ließen sich die Teilnehmenden darauf ein.
Seitdem hat dieser Workshop noch drei weitere Male stattgefunden. Während im ersten Kurs noch überwiegend nach der richtigen Form gesucht wurde, konnten die letzten drei Kurse sämtliche Projekte veröffentlichen und – soweit geplant – zu Ende erzählen. Ein erstes Fazit lautet also: In den sozialen Medien lassen sich Geschichten erzählen. Wir haben es probiert. Es hat geklappt.
Was haben wir gemacht? Eine Übersicht:
Um wieviele Projekte geht es?
Insgesamt 50 Teilnehmende haben in den vier Seminaren in kleinen Gruppen vierzehn Projekte entwickelt. Beachtliche zehn wurden realisiert. Nur im ersten Kurs taten sich die Teilnehmenden schwer, ihre Ideen zu verwirklichen. Das lag zum eine an mangelnder Erfahrung (auch des Doenten), vor allem aber an der Wahl der Plattformen und Formate. Alle vier Gruppen entschieden sich für Plattformen oder Formate, die schwieriger zu bespielen waren.
In den letzten drei Seminaren wurden hingegen alle Projekte veröffentlicht (meist im privaten Modus). Grundsätzlich bietet Social Media einen extrem niedrigschwelligen Rahmen, um eigene Stories zu realisieren.
Für welche Plattformen haben sich die Studierenden entschieden?
Insgesamt planten, entwickelten und veröffentlichten wir für sieben Plattformen. Instagram erwies sich eindeutig als Favorit. Sieben Projekte, die Hälfte also, entstanden für Metas Bilder-App. Ein großes Plus in den Augen der Studierenden: Mit Bildern, Stories, Texten, Reels und Live-Stories stellt Instagram eigentlich alle erzählerischen Medien zur Verfügung. Zudem waren und sind sie nach eigener Aussage dort am häufigsten unterwegs. Die übrigen Projekte verteilten sich auf TikTok (2), YouTube, Reddit, Blogs und Spotify (jeweils 1). Eine Gruppe erwog zwischenzeitlich sogar die Entwicklung einer eigenen Plattform (was nicht realisiert wurde). Ein Projekt erzählte über mehrere Plattformen parallel, nämlich TikTok, Instagram und YouTube (und wurde ebenfalls nicht realisiert).
Was für Geschichten wurden erzählt?
Die überwiegende Mehrheit entwickelte eigene Stories, nicht wenige mit Thriller-Elementen. In „My Toxic Ex“ treffen sich Menschen in einem Subreddit und stellen fest, dass sie alle auf denselben Betrüger hereingefallen sind. „Tarot Story“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mysteriose Botschaften in ihrem Briefkasten findet. „Ophelia vanishes“ lädt auf Instagram dazu ein, sich an der Suche nach der verschwundenen Titelfigur zu beteiligen. Aber auc andere Themen wurden ausgewählt. „Dream’t“ etwa erzählte über mehrere Plattformen die Stories lateinamerikanischer Migrant*innen in Europa, andere Projekte setzten sich mit den Folgen von sozialem Druck in den Medien auseinander.
Vier Gruppen entwickelten Fan-Fiction bzw. Adaptionen bestehender Formate: Zu Taylor Swifts „Folklore“-Album, Peter Foxs Song „Schwarz zu blau“, und den Jugendbuchreihen „Die drei !!!“ und „Bibi Blocksberg“. Alle vier nutzten Instagram. „Die drei !!!“ wurde als Begleit-Story zur Buchreihe angelegt, „Bibi Blocksberg“ rückte eine erwachsene Bibi in den Mittelpunkt.
Erste kreative Entscheidung: ein oder mehrere Accounts?
Nur vier Projekte nutzten mehrere Accounts. Die meisten konzentrierten sich auf einen Account, zwei davon installierten ihn als Gemeinschaftsaccount mehrerer fiktiver Figuren. Mehrere Accounts zu nutzen erlaubt eine enorme erzählerische Komplexität und eine verstärkte Interaktion zwischen den Figuren. Insbesondere Textformaten bieten sich hier Möglichkeiten. Multi-Account-Stories bringen aber auch Probleme mit sich. Doch auch ein einzelner Account steht vor Herausforderungen.
Wer Soziale Medien fiktional nutzen will, muss umdenken, wie die folgenden beiden Artikel zeigen.
