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Kreativer Vorteil: Entscheidungssschwäche

Kreativität gilt als wichtige Fähigkeit, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Da mag es erstaunen, dass sich Kreative offenbar durch einen Mangel an Entscheidungsbereitschaft auszeichnen. Schließlich haben wir alle die Vorstellung vom kreativen Macher vor Augen und zu dessen Image gehört das tatkräftige Entscheiden dazu. Oder?

Dazu gibt es eine interessante Studie. Der Psychologe Donald MacKinnon von der Universität in Berkeley wollte herausfinden, was kreative Architekten von ihren weniger kreativen Kollegen unterscheidet.
Er fand zwei bemerkenswerte Eigenschaften:

Die kreativen Architekten spielten mehr. Sie experimentierten, fantasierten und ließen sich oft treiben. Manchmal wirkten sie ziellos wie Kinder.
Das wird nur wenige überraschen. Spielen zählt zu den Grundpfeilern kreativen Denkens.


MacKinnons zweite Entdeckung überraschte weit mehr.

Kreative Architekten treffen keine Entscheidungen! Oder genauer: Sie treffen keine Entscheidung, bevor das nicht unbedingt nötig ist. So erstaunlich das auf den ersten Blick wirkt, bei genauerem Hinsehen zeigen sich die Vorteile dieser Zögerlichkeit: Wer keine Entscheidung trifft, gewinnt Zeit, um mehr und bessere Lösungen zu entwickeln.

In meiner Arbeit als Autor gehört dieses sich nicht zu entscheiden zwingend dazu. Die erste Fassung eines Buches lebt quasi davon, Entscheidungen aufzuschieben. Zahlreiche Fragen, die naturgemäß beim Schreiben eines Textes aufkommen, beantworte ich erst später während des Überarbeitens, manchmal auch erst in der Schlussredaktion. Würde ich ihnen zu früh Raum geben, würde der Schreibfluss stocken und die erste Fassung vermutlich irgendwann von Fragen und Zweifeln erschlagen auf meinem Schreibtisch verenden.

Deswegen ist „Das kannst du später entscheiden“ auch in meinen Schreibworkshops ein häufig gebrauchter Satz. Viele Fragen, die in einer Gruppe während einer Textdiskussion aufkommen, müssen und können von der Autorin oder dem Autor in diesem Augenblick gar nicht beantwortet werden. Es wäre sogar falsch, diese Probleme bereits anzugehen. Denn über die meisten dieser Fragen, oft geht es um die Erzählperspektive oder die Form des Textes, gewinnt man beim Schreiben erst Klarheit, wenn man tiefer in den Text eingetaucht ist, im Idealfall sogar eine erste Fassung vollendet hat.

Dennoch hat es mich gefreut (und mein Gewissen beruhigt), als ich vor ein paar Tagen von MacKinnons Studie in John Cleese’ empfehlenswertem kleinen Buch „Creativity“ (leider nicht auf Deutsch erhältlich, falls ein Verlag es übersetzt haben möchte…) gelesen habe. Man fordert Leute leichter zur Zögerlichkeit auf, wenn die Wissenschaft einem zur Seite steht.

PS: MacKinnon hat noch eine andere interessante Entdeckung gemacht…

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